Von Mia Couto.

2005 führten Gefangene des “theaterlabors schwerte” ein Stück des mocambiquanischen Autors Mia Couto (*1953), A ultima Chuva do Prisoneiro auf. In dem Stück lässt der Autor einen schwarzen Gefangenen sprechen, der im Gefängnis auf den Tod durch den Strang wartet. Er bittet um Regen, einen schweren Regen, der seine Seele reinigt. Diese magische Wirkung des Regens hat ihm seine Mutter vermittelt. Der Regen war der Reichtum der Savanne, in der er aufwuchs.

Die Vorbereitungen:

Es ging bei der Erarbeitung des Stückes nicht darum, ein folkloristisches Stück über Afrika zu spielen. Wir tauchten ein in die Erinnerungen unserer Kindheit und Jugend, die mit den Stichwörtern ‘Wasser, Waschen, Regen, Mutter’ verbunden waren. Mit diesen Geschichten näherten wir uns dem Text, kreisten ihn ein, stellten die Bilder aus Afrika und unserer Erinnerung nebeneinander, ineinander.

Es wurden Geschichten erzählt, in denen Jungen beim Versteckspiel in die Emscher fielen und zu Hause wiederholt von der Oma ins Bad geschickt wurden. Ein Anderer wurde von seiner Mutter einer schmutzigen und übelriechenden Hebamme übergeben. Ein Weiterer riss seinem Vater aus, um im Regen zu tanzen.

In allen ergaben sich unbeabsichtigte Bezüge zum Text, feine Überschneidungen zwischen der robusten Realität hier und einer magischen Welt die hinter der vordergründigen Wirklichkeit steht. Es ging aber vor allem darum, dem Text die Fremdheit zu bewahren, ihn in seiner Welt zu lassen - und ihn mit diesen Mitteln nur zu umkreisen.

Das Stück:

“Ich gebe ihnen Geld, versprochen. Draußen habe ich genug. Zahlen, Münzen und eine Menge. Ich habe genug, und ich gebe ihnen alles, gänzlich alles. Unter einer Bedingung: sie bringen mir Regen, eine Portion guten Regen, eine Portion schweren Platzregen.”

“Heute ist der Knast ein Ort des Elends, die Strafe ist ohne Wert. Das Verbrechen hat sich im Gefängnis breitgemacht. Es ist das Gefängnis der Hölle, es gibt nur die Möglichkeit abzuhauen. Denn hier drinnen rauben sie uns mehr aus als draußen. Wir werden von der Polizei ausgeplündert, genauso wie wir von Dieben ausgeplündert werden. Wir können auch nicht frei im Gefängnis sein. An diesem Ort sind selbst die Toten nicht sicher. Doktor, ich habe keine Wahl. Der Knast tötet mich, und die Stadt lässt mich nicht leben. Schutz gibt es weder drinnen noch draußen.”

“Sie (meine Mutter) machte das Gegenteil wie andere Mütter, die, sobald die ersten Tropfen fielen, íhre Kinder riefen und einsammelten. Zu der damaligen Zeit regnete es sehr wenig. Da weckte sie mich sogar, zog mir die Kleider vom Leib und stieß mich aus der Hütte. Sie glaubte, Regenwasser hätte die Eigenschaft, die Seele zu reinigen. Regenwasser durfte nicht vergeudet werden. In meiner Erinnerung tönt der Satz: ‘Regen reinigt, werde gepeinigt.’”

“Mein Leben war ein Kreislauf von Tor und Riegel, Zenit und Gefängnis. Inmitten von diesem Rein-und Raus starb meine Mutter. Ich erhielt die Nachricht an einem Sonntagnachmittag im Gefängnis. Wir hörten gerade im Rundfunk die Übertragung eines Fußballspiels. Einige unterhielten sich, andere waren ganz vom Radio gefangen. Nur ich senkte den Kopf, hob die Augen zum Aufseher. Ich bat ihn, gehen zu dürfen, er erlaubte es nicht. Ich ging zur Gefängniskapelle, betete dort für meine Mutter. Aber der Chef des Gefängnisses, ein Weißer, konnte mich nicht verstehen. Die Mezungos verabschieden sich auf eine ganz andere Art und Weise von ihren Toten.”

“Es war das einzige Mal, dass ich aus dem Gefängnis floh. Ich wollte unbedingt der Zeremonie für meine Alte beiwohnen. Dort auf dem Friedhof netzte mich ein Tropfen Traurigkeit. Ich sagte: ‘Siehst du, Mama, habe ich nicht gesagt, ich komme wieder…?’”

Jederzeit zeigten sie mir ihre Freundschaft, steckten mir eine Zeitung zu mit Bildern einer weißen Frau. Der Körper dieser Frau erschien künstlich. Mich langweilten diese Phantasiebildchen. Was halfen sie? Die Anderen hefteten das Bild dieser Frau an die obere Kante des Schranks und beteten es an. Es hieß, sie sei ‘unsere liebe Frau der Jedermänner’. Ich verharrte in der knienden Haltung, wünschte etwas zu bitten; eine Bitte kam mir auch an die Lippen, doch ich schluckte sie wieder runter wie spucke. Der Druck war so stark, dass ich alles vergaß, um was ich bitten wollte. Die Zeitung verkaufte ich, seite um seite, 500 für jedes Foto, 1000 für jede Brust. Jetzt habe ich das Bitten aufgegeben. Das Einzige, dessen ich noch bedarf, ist Regen. Er soll auf mich herunterprasseln, mich durchnässen, mich durchtränken.”

“Für kurze Zeit schien es kein morgen zu geben, die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Ich fühlte mich richtig frei, so frei wie der Wind im Regen.”

“Kurze Zeit später wurde mir schmerzhaft klar, dass dies wirklich das letzte Mal gewesen war, dass ich so richtig frei sein durfte. Der Wind wurde eingefangen, und es wurde ihm verboten, mit dem Regen zu tanzen.”

“Ich bin in einem abgelegenen Landstrich groß geworden, einem weißen Flecken auf der Landkarte. Alles was es dort gibt, ist Trockenheit, Staub und Wind. Regen ist ein Zeichen der Götter, ein winziges und seltenes Angebot ihrerseits. Und sobald es auf mich herabtrommelt, bin ich vollständig entblößt, vollständig barfuß, als ob die Götter den ganzen Regen ausschließlich für mich bestimmt hätten.”

“Eine einzige Sehnsucht habe ich. Es muss eine Menge Regen fallen, bis es in mir regnet, bis es von meiner Schädeldecke nach Innen tropft, bis mein Herz unter Wasser steht, bis ich fühle, dass Gott mir den Staub abwischt, mit dem das Leben mich verdreckt hat. Und so, vom Regen begossen, zwischen dem Trommeln der Tropfen auf den Dächern, leuchtet mir die Stimme meiner Mutter: ‘Komm, kehr zurück…!’”

“Und jetzt, während ich spreche, stell dir vor Doktor, spüre ich in meinen Armen das süßliche Rascheln von Blättchen des Bäumchens, das meine Brust vorm zerbersten bewahrt. Bald, heute Abend, wird an mir das Urteil zum hängen am Strang vollzogen. Wie diese Schnur mich dahin führt, wo meine Mutter mich erwartet, an einem Festtisch voller Nieselregen sitzend. Der ast des Galgens gleicht der Schnur, die mich abnabelt. Doktor, bringen sie mir den letzten Regen!”

(Alle nicht besonders gekennzeichneten Zitate stammen aus der Erzählung von Mia Couto, “Der letzte Regen des Gefangenen”)

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Weitere Informationen

Wikipedia: Mia Couto ist ein mosambikanischer Schriftsteller. Sein Künstlername “Mia” stammt von seinem Bruder, der als Kleinkind den Namen “Emilio” nicht aussprechen konnte. Der Autor bekennt sich mit dem Namen zu seiner Leidenschaft für Katzen…